I'll start my series of re-runs of some old posts with a short article that I wrote some years ago for my first homepage. My goal was to explain my personal approach to the music and personality of J. S. Bach whom I view as the greatest composer, nay, the greatest artist, ever. In particular, I emphasize how he blends mathematical sophistication and deeply-felt spirituality, rationality and emotions, in a unique way. I also mention his humble concept of his own role as a "musical scientist" or maybe a mediator between heaven and earth rather than a "genius". The entire article is ripe with fanboy-like enthusiasm, but, hey, I was young back then.
Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) ist für mich der größte Komponist aller Zeiten. Sein vollkommenes Können ist weder vor noch nach ihm jemals erreicht worden, und ich wage auch schwer zu bezweifeln, ob in Zukunft je ein Komponist, ja, irgend ein Künstler, sich zu solcher Höhe aufschwingen wird. Kein anderer versteht es wie er, mathematische Klarheit und klangliche Schönheit miteinander in Einklang zu bringen. In vielerlei Hinsicht ist er für mich ein Vorbild, sowohl als Künstler wie auch als Mensch.
Diese Faszination machte sich bei mir schon in frühester Kindheit bemerkbar. Ohne dass ich damals viel von Musik verstanden hätte, stach für mich Bach unmittelbar aus allem hervor, was ich kannte, als wäre er mir wie verwandt. Mit zunehmendem Alter wusste ich mehr über sein Leben, verstand mehr vom Aufbau seiner Stücke, stets entdeckte ich Neues in seiner Musik, und das geht mir bis heute so.
Denn nirgendwo sonst gehen geistige Durchdrungenheit und unmittelbare Ehrlichkeit, analytische Strenge und spielerische Phantasie, mathematische Genauigkeit und spirituelles Empfinden derart friedlich miteiander einher, nirgendwo sind Geist und Seele einander so nahe wie in Bachs Musik. Zeitlos spricht aus seinen Werken jene höhere Wahrheit, die der Mensch in der Kunst sucht.
Oft hört man, zu Beginn der Neuzeit habe sich die Kunst vom Handwerk emanzipiert, und hat dabei einen bestimmten aus dem 19. Jahrhundert stammenden Künstlerbegriff im Kopf: den eines frei seiner Intuition folgenden, tief empfindenden Individuums. Nur zu gerne verwechselt man dabei Freiheit der Kunst mit Beliebigkeit der Kunst. Das ist mit dem heutigen Selbstverwirklichungswahn noch schlimmer geworden, und bisweilen wird gar überhaupt Kunst mit Ausdruck gleichgesetzt.
Bach seinerseits hätte wahrscheinlich Musik zwar nicht als Handwerk, aber ebenso wenig als Mittel zur Selbstverwirklichung betrachtet. Er verwendete gerne den damals verbreiteten Begriff von der "musikalischen Wissenschaft". Dieser mag für uns verstaubt klingen - doch sind Wissenschaft und Kunst nicht in der Tat zwei Schwestern? Versuchen nicht beide auf ihre Art und Weise der Welt auf den Grund zu gehen, sind nicht beide auf der Suche nach der Wahrheit, wollen nicht beide Neues finden, herausfinden und erfinden?
Bei dieser Suche zeichnet sich Bach durch eine Demut aus, die bei anderen Künstlern selten ist, so sehr, dass uns selbst das Wort etwas antiquiert anmutet. Wenn er die meisten seiner Werke mit dem Kürzel SDG ("Soli Deo Gloria", d.h. "allein zur Ehre Gottes") zeichnet, so ist dies in meinen Augen Ausdruck nicht sosehr tiefer Religiosität im engeren Sinne, als vielmehr einer weiter gefassten Dankbarkeit gegenüber jenem Höheren, das seinen Schimmer auf seine Musik legt. Diese Bescheidenheit - sei es nun aus einer christlichen Optik wie der Bachs heraus oder auch aus einer völlig anderen - scheint mir eine wichtige Grundlage hoher Kunst zu sein.
Bisweilen wird Bach gerne als finster, streng und konservativ dargestellt. Doch dabei übersieht man meiner Ansicht nach einen seiner wesentlichen Wesenszüge: eine Art, über den Dingen zu stehen. Während andere, gerade zu seiner Zeit, in der Kunst einfach strikt Regeln befolgten, die sie vorher aufgestellt hatten, setzte er sich mit den Flügeln der kreativen Logik gerne über solche künstlichen Regeln hinweg. Während selbst innerhalb der einzelnen Konfessionen die spitzfindigsten Glaubensstreite ausgefochten wurden und der Kontinent noch unter dem Eindruck barbarischer Religionskriege stand, schuf er, der evangelische Kirchenkomponist par excellence, eine katholische (oder zumindest Katholizismus-kompatible) Messe. Während andere Komponisten einen bestimmtem Stil pflegten, dem sie sich verschrieben hatten, beschäftigte er sich mit allen europäischen Stilrichtungen und verarbeitete sie in seiner Kunst. Es war eine unspektakuläre, so ganz und gar nicht zur Schau getragenene Form der Offenheit, allein aus der Zeitlosigkeit seiner Musik lächelt sie uns bis heute zu.
Auch als Mensch ist Bach für mich beeindruckend. Bei ihm gehen Genie und Wahnsinn mitnichten mit einander einher. Im Gegenteil: Er war wahrscheinlich einer der umgänglichsten Künstler der Geschichte. Obschon er schon im Alter von neun Jahren zum Vollwaisen wurde und ihm später, als er gerade auf einer Reise war, seine erste Frau unerwartet vom Tod entrissen werden sollte, blieb ihm jeder Anflug von Verbitterung fremd. Wissbegierig und offen trat er Neuem gegenüber. Er reiste viel, wenn auch in einem geographisch eng eingegrenzten Gebiet, und nahm dabei oft unvorstellbar lange Fußmärsche auf sich. Das Leben verschlug ihn von einem Ort zum anderen, oft nicht gerade nach seinen Wünschen, doch überall gab er sein Bestes, unabhängig von den Aussichten, die sich ihm dadurch boten. Ja, als Thomaskantor in Leipzig musste er sogar in der Schule Lateinstunden geben, doch auch dies schien er nicht für unter seiner Würde zu befinden. Wenn ihm Unrecht widerfuhr, war seine Antwort ernst, korrekt und überlegt. Wohl einer der produktivsten Komponisten seines Kalibers, fand er dennoch Zeit, seinen vielen Kindern eine für seine Zeit erstaunlich fortschrittliche Erziehung angedeihen zu lassen und seine Kunst an sie weiterzugeben.
In meinen Augen ist seine Musik nicht Ausdruck einer bestimmten Künstlerpersönlichkeit, einer bestimmten Zeit oder einer bestimmten Kultur. Sie ist vielmehr ein zeitloses Geschenk an die ganze Menschheit.
Keinem Geringerem als Ludwig van Beethoven wird der Ausruf zugeschrieben: "Nicht Bach, Meer sollte er heißen!"
Zurück zum SeitenanfangKategorien: Thoughts on Music
Stichwörter/Tags: music bach js bach johann sebastian bach
Permalink | Kommentare (0) | Trackbacks (0)
Trackbacks
Trackback-URL für diesen Beitrag:
http://christianflury.com/cgi-bin/mt/mt-tb.cgi/30


