Another re-run: This time I am re-publishing an incredibly long, horribly poetic and somehow pretentious, but still, I think, intelligent article that I wrote back in 2003 just during the first few days of the American invasion in Iraq. I criticized both Old Europe and the US – Old Europe for not acknowledging that their position (doing business with Saddam whilst letting the Iraqi civilian population starve to death under the UN sanctions) was in no way ethically superior to that of the United States; the Bush administration for their illusion that in a country as diverse and complex as Iraq most problems would just disappear by themselves once they got rid of Saddam Hussein. In hindisght, I have got to say that I was not that far off the mark with my apprehensions.
That being said, the best part is still the Swiss-German song by Mani Matter that I quote at the beginning...
Irakkrieg - vom Fluch der Hybris
März 2003
I han es Zündhölzli aazündt, und das het e Flamme ggää,
und i ha für d Sigarette wölle Füür vom Hölzli nää,
aber ds Hölzli isch drvoo gschpickt und uf e Teppich choo,
und es hätt no fasch es Loch im Teppich ggää drvoo.
Ja, mä weis, was cha passiere, we mä nid ufpasst mit Füür,
und für d Gluet ar Sigarette isch e Teppich doch de z tüür,
und vom Teppich hätt, o Gruus, chönne ds Füür i ds ganze Huus,
und wär weis, was da nid alles no wär woorde druus.
's hätt e Brand ggää im Quartier, und 's hätti d Füürwehr müesse choo,
hätti ghoornet i de Straasse und dr Schluuch vom Wage gnoo,
und si hätte Wasser gsprützt, und das hätt de glyych nüüt gnützt,
und di ganzi Stadt hätt bbrönnt, es hätt se nütt me gschützt.
U d Lütt wären umegschprungen i dr Angscht um Hab und Guet,
hätte gmeint, 's heig eine Füür gleit, hätte ds Sturmgwehr gnoo ir Wuet,
alls hätt bbrüelet: "Wär isch tschuld?" ds ganze Land i eim Tumult,
das mä gschosse hätt uf d Bundesräät am Reddnerpult.
D UNO hätt interveniert, u d UNO-Gägner sofort oo,
für ir Schwyz dr Fride z rette, wäre beid mit Panzer choo,
's hätt sech usddehnt naadinaa, uf Öiropa, Afrika,
's hätt e Wältchrieg ggää u d Mönschheit wär iz nümme daa.
I han es Zündhölzli aazündt,und das het e Flamme ggää,
und i ha für d Sigarette wölle Füür vom Hölzli nää,
aber ds Hölzli isch drvoo gschpickt und uf e Teppich choo -
Gott sei Dank, dass ii s vom Teppich wider furt ha ggnoo!
Mani Matter, "Ds Zündhölzli"
Der amerikanische Präsident Bush scheint überzeugt, dass er das Zündholz aus dem Lied des legendären Berner Troubadours fest und sicher in der Hand halte und die Geister, die er rief, bestens unter Kontrolle habe. Die amerikanische Planung des Irak-Krieges kennt keine oder nur wenige Unsicherheitsfaktoren; man wähnt sich, so scheint es zumindest, in vollkommener Gewissheit über Verlauf und Folgen des Krieges; Szenarien für unerwartete Wendungen wurden in der Öffentlichkeit kaum diskutiert. Solcherart Hybris - und damit meine ich nicht die allenthalben beklagte Überheblichkeit Europa, internationalen Organisationen und der Weltöffentlichkeit gegenüber, sondern, im klassich-griechischen Sinn, den Hochmut gegenüber dem eigenen Schicksal und dem Unvorhergesehen - diese Hybris, wie gesagt, muss sich früher oder später in irgendeiner Form rächen, dies weiß der Humanist aus der griechischen Tragödie und der Christ aus der Bibel.
Trotz dieser meiner Ansicht war ich in den letzten Tagen nicht unter den Friedensdemonstranten zu finden. An Straßendemonstrationen habe ich nämlich grundsätzlich auszusetzen, dass man dabei fast immer von Kräften vereinnahmt wird, mit denen man im Prinzip nichts zu tun haben möchte. So würde man etwa als Friedenssymbole Bezüge auf Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi oder Martin Luther King erwarten. Stattdessen grellen allenthalben kommunistische Embleme und insbesondere Che-Guevara-Portraits. Auch wenn zu dieser dämlichen Che-Guevara-Verehrung ohnehin Einiges zu sagen wäre, so will ich dem Leser hier einen diesbezüglichen Exkurs ersparen und mich auf die Frage beschränken, was der Verweis auf die Ikone eines menschenverachtenden Kriegers, der ausdrücklich bedauerte, dass es im Laufe der Kubakrise nicht zu einem Nuklearschlag gegen die Vereinigten Staaten gekommen war, im Zusammenhang mit der Irakproblematik eigentlich zu bedeuten habe. Wollen diese Demonstranten der Bush-Administration damit etwa nahelegen, sich nicht mit einem herkömmlichen Krieg aufzuhalten und gleich ein paar Atombomben auf den Irak abzuwerfen? - Es geht wohl vielmehr um das Schüren dumpfer antiamerikanischer Ressentiments und die Vereinnahmung der Friedensbewegten für ganz konkrete politische Anliegen. Diese Vereinnahmungsversuche sind auch sehr stark von Gewerkschaftsseite und Teilen der Antiglobalisierungsbewegung zu beobachten. Was soll das? Ich zum Beispiel käme ja auch nicht auf die Idee, ein Portrait von Adam Smith zu einer Friedensdemonstration mitzunehmen. Wer einig für den Frieden demonstrieren will, soll seine übrigen politischen Überzeugungen zu Hause lassen. Gleichsetzungen Bushs mit Saddam oder gar mit Hitler sind einfach dumm, der verkürzende Slogan "Blut für Öl" auch, bei vielen Demonstranten gewinnt man den Eindruck, sie gingen nicht für die Rückbesinnung auf traditionelle amerikanische Werte wie Freiheit und Toleranz auf die Straße, sondern dagegen! Die bisweilen damit einhergehende Verharmlosung des irakischen Schreckensregimes mit den angemessenen Kraftausdrücken zu kommentieren, verbietet mir die Zurückhaltung!
Auch die Position des "alten Europa" scheint mir keineswegs von dem hehren Friedenswillen inspiriert zu sein, wie er allenthalben vorgeschützt wird. Vielmehr handelt es sich in meinen Augen um das zur moralischen Haltung erstarrte Prinzip der Untätigkeit, was den Leiden des geknechteten irakischen Volkes gegenüber kaum minder zynisch ist als die amerikanische Kriegsrhetorik. Dass auch handfeste Interessen im Irak eine Rolle spielen, ist ein offenes Geheimnis. Es ist zudem unerträglich, wenn ständig auf die Gefahr ziviler Opfer verwiesen wird, die unzähligen Iraker, darunter viele Kinder, welche den grausamen Launen ihres Diktators zum Opfer fallen, sei es direkt durch Repression oder indirekt durch menschenverachtende Verteilung der Finanzressourcen, hingegen keines Wortes gewürdigt werden. Dass es Saddam gelungen ist, die Mittel aus dem Programm "Lebensmittel für Öl" weitgehend zu hinterziehen, dies auch zu Aufrüstungszwecken, ist bewiesen und ein Skandal. Die Aufrechterhaltung des Status quo unter Fortführung oder Intensivierung der Inspektionen, wie von Europa gefordert, war daher in meinen Augen in der Tat keine Lösung. Man kann nicht auf der einen Seite einen offenen Krieg ablehnen, auf der anderen Seite den versteckten, aber langfristig nicht weniger Leid bringenden Krieg, der mit den Wirtschaftssanktionen geführt wird, mittragen. Dies ist heuchlerisch.
Im Mittelpunkt der Besorgnis sollte eigentlich das irakische Volk stehen, das sich wohl zu einem großen Teil - zu Recht! - von allen Seiten verraten fühlt. Der pseudowissenschaftliche Diskurs über die kulturspezifische Dimension von Werten wie Freiheit und Demokratie ist in meine Augen Stumpfsinn. Diese Werte sind universell - sie sind ja auch an vielen verschiedenen Orten unabhängig von einander entstanden und sind dem Menschen ungeachtet seines Umfelds ureigen wie Lachen und Weinen. Oder glaubt etwa jemand, die Iraker wollten das so? Sie würden gerne unterdrückt, vergast, gefoltert? Die Frage allein zeigt, glaube ich, schon die Dummheit dieses Werterelativismus auf.
Zwar bin ich grundsätzlich der Überzeugung, dass solche Werte von unten her erkämpft werden müssen, um sich fest im kollektiven Bewusstsein zu verankern. Doch manchmal erdrückt die allgegenwärtige Angst den Durst nach Freiheit, und es braucht aus rein pragmatischen Gründen einen äußeren Eingriff, um den Demokratisierungsprozess in Gang zu bringen. So lässt sich auch bezüglich des Irak argumentieren. Mehr Menschenleben als dem Status quo werden dem Krieg zudem wohl kaum geopfert werden müssen.
Freilich kann man auch für die strikte Einhaltung des Prinzips der Nichteinmischung, ja für eine Splendid Isolation, optieren, dann aber konsequent. Dies könnte etwa angesichts der heutigen Machtverhältnisse für die europäische Außenpolitik ein guter Weg sein. Oder aber man argumentiert mit dem Verweis auf die weitgehende Vernetzung unserer Welt und die Wechselwirkungen zwischen den Zuständen in verschiedenen Ländern und auch den daraus erwachsenden Gefahren eine ordnende Funktion der großen, prosperienden Staaten, was zu allen Zeiten die von Großmächten bevorzugte Haltung war. Beide Ansätze sind in meinen Augen vertretbar, man muss nur eine klare Entscheidung treffen.
Eine Militärintervention wäre also in meinen Augen durchaus zu rechtfertigen. Zwar sollte man in Zukunft auch vermehrt den Einsatz ziviler Mittel (z.B. finanzielle Unterstützung der Opposition) in Erwägung ziehen. Diesen haftet zwar der Nimbus der Ineffizienz an, doch dabei geht vergessen, dass für militärische Operationen auch ein Zehn- und Hundertfaches an Geld investiert wird. Was man mit so großen Mitteln bei der politischen Lösung von Konflikten erreichen könnte, haben wir bisher leider noch nicht in Erfahrung bringen dürfen. Dennoch scheint mir ein militärischer Eingriff im Irak beim derzeitigen Stand der Friedensforschung zu verantworten zu sein.
Trotz alledem ist der amerikanische Präsident George Walker Bush mit seiner Position unglaubwürdig.
Er ist unglaubwürdig, weil er wichtige Dinge nicht angesprochen hat:
Er hat uns nicht gesagt, wie er das Vertrauen des irakischen Volkes gewinnen will, nachdem im ersten Golfkrieg die oppositionellen Verbände, die die Amerikaner unterstützen, verraten und der grausamen Repression des Diktators anheimgegeben worden sind.
Er hat uns nicht gesagt, wie er den Kurden erklären will, dass er ihnen ihren legitimen Wunsch nach einem eigenen Staat aller Wahrscheinlichkeit nach abschlagen muss.
Er hat uns nicht gesagt, wie er den Prozess des Nation Building gestalten und finanzieren will (bisher sind nur im Vergleich zu den Militärausgaben nachgerade lächerlich anmutende Summen vorgesehen), insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass die USA in diesem Bereich über wenig Kompetenzen verfügen und er paradoxerweise zwar für den Krieg eine große Mehrheit der Amerikaner hinter sich weiß, für die Finanzierung des Nachkriegsprozesses aber keinesweges, obschon sich die Experten - auch die schärfsten Kriegsbefürworter - darin einig sind, dass der Miitärschlag nur dann einen Sinn hat, wenn darauf intensives Nation Building folgt.
Er hat uns nicht gesagt, wie er damit umgeht, dass Saddam Hussein aus strategischen Gründen von den USA im vollen Wissen um seine Grausamkeit aufgebaut worden ist, und wie er verhindern will, dass sein Land in Zukunft aus strategischen Gründen neue Schreckensregimes aufbaut, so geschehen nicht nur im Irak, sondern auch in Afghanistan, frei nach dem Motto: "Er ist zwar ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn" (Roosevelt über den nicaraguanischen Diktator Somoza). Manche Kommentatoren sehen in der Verteidigungsdoktrin von Herrn Rumsfeld einen Bruch mit dieser Tradition. Doch es wäre sicher für alle Welt leichter, diesen Krieg zu akzeptieren, würde dieser Bruch in aller Deutlichkeit öffentlich und unter Eingeständnis früherer Fehler vollzogen. In der derzeitigen Situation müssen wir an dessen nachhaltiger Gültigkeit nämlich zweifeln.
Er hat uns nicht gesagt, wie er der Vermutung begegnen will, dass die USA dem Irak eine hohe Kriegsschuld auferlegen dürften und so trotz gegenteiliger Beteuerungen indirekt die Kontrolle über dessen Erdölressourcen an sich reißen könnten, beziehungsweise, inwieweit diese Vermutung begründet ist und wie das Thema Kriegsschuld generell behandelt werden soll.
Er hat uns nicht gesagt, welche Interessen die USA genau mit diesem Krieg verfolgen. Dass geostragetische Überlegungen dabei gar keine Rolle spielten, das nimmt ihm ohnehin niemand ab. Es wäre klüger, wenn diese genau definiert würden, um so darüber hinaus gehenden Unterstellungen die Grundlage zu entziehen.
Er hat uns nicht gesagt, womit er seine These von der demokratischen Ansteckung untermauern will. Man muss, glaube ich, noch lange kein bürokratieversessener Europäer sein, um sich zumindest eine ernsthafte wissenschaftliche Studie zur Stützung dieser Theorie zu wünschen.
Er hat uns nicht gesagt, wie er es vor seinen Soldaten verantworten kann, sie erneut in den Irak zu schicken, während die schlimmen Erkrankungen, die viele von ihnen aus dem ersten Golfkrieg davongetragen haben, nach wie vor einer Erklärung harren.
Er hat uns nicht gesagt, wie er eine korrekte Behandlung amerikanischer Kriegsgefangener erwirken will, während die USA selbst den auf Guantánamo festgehaltenen Taliban-Kämpfern nicht das gleiche Recht zugestehen.
Er hat uns nicht gesagt, was er für Vorschläge für eine Reform der UNO hat, wo er diese doch als so ineffizient zu betrachten scheint. Obstruktion und Unterminierung sind langfristig auch aus amerikanischer Sicht keine Lösung.
Er hat uns nicht gesagt, wie sein Volk fähig sein soll, die von Saddam Hussein ausgehende Gefahr richtig einzuschätzen, nachdem seine Regierung und die US-Medien es so schlecht informiert haben, dass ein Großteil nicht einmal weiß, wo der Irak überhaupt liegt, und Saddam Hussein und Ousama bin Ladin im öffentlichen Bewusstsein schon weitgehend zu einer Figur verschmolzen sind.
Er hat uns nicht gesagt, inwiefern die Paranoia, die im amerikanischen Volk herrscht und geschürt wird, das rationale Abwägen von Für und Wider erleichtern soll. Diese Paranoia äußert sich nicht nur in den steigenden Verkaufszahlen bei Waffen, Alarmanlagen und Sicherheitsprodukten aller Art und den vielen Terror-Fehlalarmen, sondern auch im Tonfall vieler kriegsbefürwortender und kriegskritischer Kommentare, die uns aus den USA erreichen. Generell gewinnt man den Eindruck, man versuche das Trauma des 11. September nicht zu überwinden, sondern vielmehr zu zelebrieren, was keine gute Grundlage für eine möglichst emotionsfreie Entscheidungsfindung ist.
Er hat uns nicht gesagt, welche Lehren er aus der Ineffizienz (wenn nicht Kontraproduktivität) der Wirtschaftssanktionen gegen den Irak in Bezug auf deren Einsatz im Allgemeinen zu ziehen gedenkt.
Er ist unglaubwürdig, weil er das Spiel der Terroristen des 11. September 2001 mitspielt:
Die Terroristen stießen sich an unserer liberalen Gesellschaft. Mit den verschiedenen Patriot Acts hat Bush ihr Spiel mitgespielt.
Die Terroristen wollten Polarisierung und Hass schaffen, da diese Emotionen ihnen Zulauf bringen. Durch seine selbstgerecht wirkende Rhetorik, bei der auch gerne mal ein ganzes Volk als "böse" bezeichnet wird, schafft er Hass und Ablehnung und spielt damit das Spiel der Terroristen mit.
Er ist unglaubwürdig, weil er uns für dumm zu verkaufen scheint:
Er verkauft uns für dumm, wenn er die Welt pauschal in gut und böse teilt, wo doch jedes Kindergartenkind weiß, dass die Dinge so einfach nicht sind.
Er verkauft uns für dumm, wenn er sagt, man habe Saddam nach dem ersten Krieg eine "zweite Chance" gegeben ("Gut, Saddam, weil du's bist, geben wir dir noch 'ne Chance" - glaubt er wirklich, wir hätten eine derart naive Vorstellung von Weltpolitik?), anstatt uns konkret auseinanderzusetzen, weshalb die amerikanische Interessenslage damals keinen Regimewechsel erforderte, heute aber schon.
Er verkauft uns für dumm, wenn er nicht versteht, dass Argwohn aufkommt, wenn die Beweise den Behauptungen stets erst nachgeliefert werden, und dies nicht immer allzu professionell.
Er verkauft uns für dumm, da er uns keine Sätze, die aus mehr als nur Subjekt, Prädikat, Objekt bestehen, zuzumuten zu dürfen glaubt.
Er verkauft uns für dumm, wenn uns stets eingeredet wird, alles verlaufe nach Plan, obschon wir genau wissen, dass die wenige Tage zuvor öffentlich verkündeten Ziele nicht erreicht worden sind (puncto Ausschaltung Saddams, Massendesertationen im irakischen Heer, Überläufer auf höchster Ebene... usw.). Meint die Bush-Administration wirklich, wir hätten so ein schlechtes Gedächtnis?
Er ist unglaubwürdig, weil er ein offensichtliches Kommunikationsproblem hat:
Viele vermuten - zu Recht, so denke ich -, Bill Clinton hätte der Weltöffentlichkeit die gleiche Politik wie die seines Nachfolgers schlicht und einfach besser verkaufen können. Bush versuchte von Anfang an zu überzeugen, indem er Entschlossenheit markierte. Stattdessen entstand der Eindruck - ich sage: der Eindruck! -, jeder Vorwand sei ihm recht, er wolle einfach um Teufels Gewalt seinen Krieg haben. Er sprach, als ob er die Bibel nur ungefähr bis zu den Propheten gelesen hätte und das Neue Testament sich seiner Kenntnis entziehe. Als nun die US-Administration merken musste, dass sie keineswegs überall auf offene Ohren stieß, im Gegenteil, da war sie - so wirkte es - beleidigt, und rund herum wurden Staatsoberhäpter befreundeter Staaten kindisch abgekanzelt. Man schmollte. Man hört es nicht gerne, wenn einem Cowboy-Rhetorik und Kulturlosigkeit vorgeworfen wird. Dann fühlt man sich gekränkt und missverstanden, anstatt sich in einer uramerikanischen pragmatischen Tradition zu fragen: Okay, ich habe ein Problem mit meiner öffentlichen Wahrnehmung. Was kann ich tun, um es zu lösen?
Dies erscheint mir bemerkenswert, weiß doch jedes Unternehmen, dass die Antwort auf eine ungünstige Öffentlichkeitswahrnehmung immer in einer Überarbeitung der eigenen Kommunikationspolitik liegen muss. Kein Konzern, der zum Opfer von Anfeindungen wird, beharrt selbstgerecht auf seiner Position, nein, es wird zwecks Imagekorrektur die Kommunikationsstrategie geändert. Im Land des freien Unternehmertums wäre soviel Professionalität doch auch der Regierung zuzumuten, erst recht, wenn es sich um die einzige Supermacht handelt!
Auch nun, im Krieg, entsteht das Bild von unkoordiniertem Draufgängertum und Nervosität. Sonderbehandlungen für britische und amerikanische Journalisten und weitgehend inhaltsleere Briefings über den Kriegsverlauf bestätigen die Gegner nur in ihren Vorurteilen, selbst dann, wenn diese unberechtigt sind. In Europa, aber auch in der arabischen Welt fühlen sich wohl auch viele, die Amerika gegenüber prinzipiell positiv eingestellt sind, durch die taktlose Rhetorik der Bush-Administration abgestoßen. Ein etwas kultivierterer Ton wäre gerade den amerikanischen Interessen gewiss sehr förderlich. Dass dies nicht erkannt wird, zeugt, wie gesagt, von Unprofessionalität. Auch die Kriegspropaganda im ersten Golfkrieg war nicht auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, zu leicht war sie zu entlarven (Brutkastengeschichte, Fernsehbilder aus dem Archiv, die manchmal nicht einmal aus dem Irak stammten...), und beschädigte so auf lange Frist die Glaubwürdigkeit und so auch die internationale Durchsetzungskraft der USA.
Wenn diese Probleme schon im Umgang mit den Europäern bestehen, wie soll es dann erst gelingen, die arabische Welt von der amerikanischen Position zu überzeugen, und sei diese an sich noch so vernünftig?
Bush ist aber besonders aus einem Grund unglaubwürdig: Er fordert das Schicksal heraus.
Zu Beginn der Debatte hatte Colin Powell noch mit Nachdruck ein Exit-Szenario gefordert. Ein solches gibt es nicht. Der amerikanische Plan beruht darauf, dass er funktioniert, dass das Streichholz nicht davonspickt. Doch selbst wer nicht der Überzeugung anhängt, alles, was schiefgehen könne, gehe auch schief, muss zugeben, dass mit größter Wahrscheinlichkeit irgend etwas bestimmt nicht nach Plan verlaufen wird, umso mehr als es, wie schon erwähnt, zahlreiche Unsicherheitsfaktoren gibt (Akzeptanz der amerikanischen Besatzung in der Bevölkerung, Stichhaltigkeit der Theorie der demokratischen Ansteckung, Gefahr von Guerillataktiken, grausamer Behandlung amerikanischer Soldaten und daraus resultierendes Abbröckeln der Unterstützung in der Heimat... usw.). Und wenn der gesamte Befreiungsprozess nicht konsequent zu Ende geführt wird, so droht Chaos und Gewalt, und dies in einem hochgerüsteten Land! Natürlich: wenn in einigen Jahren im Nahen Osten Demokratie und Wohlstand herrschen, so wird dieser Krieg doch Gutes geschaffen haben; und wenn dann ein paar amerikanische Firmen daran verdienen und die Vereinigten Staaten Macht gewinnen, so wird es ihnen zu gönnen sein. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht, ist meiner Ansicht nach geringer als die, dass es nicht geschieht.
Er vertraue auf Gott, heißt es dann immer vom frommen US-Präsidenten. Doch auf Gott vertrauen heißt mit Gottes Hilfe vernünftig handeln. Unvernünftig handeln und dabei auf Gottes Hilfe vertrauen hingegen heißt Gott versuchen, und dies rächt sich immer.
Manche Kriegsgegner sehen mit Grauen ein Zeitalter des weltweiten amerikanischen Imperialismus heraufdämmern. Diese Furcht ist in meinen Augen unbegründet. Der Höhepunkt der amerikanischen Macht - Mitte der Neunzigerjahre - ist überschritten, trotz ihrer haushohen militärischen Überlegenheit. Europa und China werden schrittweise erstarken und ein Gegengewicht bilden, während die exponierte Position der Vereinigten Staaten diese zum bevorzugten Ziel für Angriffe machen wird. So wird sich ein neues Gleichgewicht einpendeln, von dem letzlich auch das amerikanische Volk profitieren dürfte, das der derzeitigen Hegemonie paradoxerweise doch einiges zu opfern hat, nicht nur materiell, sondern auch an innerem Frieden.
Nein, langfristig müssen wir nicht vor den USA Angst haben, sondern vielmehr um die USA. Und so fragt sich schon heute, fernab des dumpfen Antiamerikanismus dummdreister Berufsneinsager, bang der besorgte Europäer: Wo ist es, das Amerika, das wir lieben? Das Amerika, das uns in unserer Geschichtsbeladenheit und Befangenheit immer wieder mit seiner Naivität und unbedarften Neugier erfrischt und erhellt? Das Amerika, das mit seiner Freiheit, seiner Toleranz, seinem Mut so oft in dunklen Zeiten als Licht am Horizont leuchtete? Das Amerika, mit dem gemeinsam wir die moderne Demokratie entwickelt haben und das zu unserer westlichen Welt einfach dazugehört, mit all seinen bisweilen unverständlichen, bisweilen anregenden Besonderheiten? Der Schock des 11. September scheint es noch immer fest in seinem Würgegriff zu halten, und diese Angst und aggressive Überladenheit treiben es zu unvernünftigen Taten. Möge es über dieses Trauma hinwegkommen und sich davon erholen!
Denn wir gehören zusammen und glauben gemeinsam an die Freiheitswerte unserer westlichen Welt. Umso schlimmer, dass die Vereinigten Staaten für einen vermeintlichen kurzfristigen Nutzen unseren gemeinsamen langfristigen Interessen durch überhetzt dilettantisches Verhalten schaden. Denn durch die Unterminierung des Völkerrechts und alle anderen schon erwähnten Unstimmigkeiten, die mit diesem Krieg einhergehen, verlieren wir an Glaubwürdigkeit in der Welt. Und dieser moralische Verlust kann selbst machtpolitisch betrachtet weder durch geostrategische Vorteile, noch durch militärische Überlegenheit wettgemacht werden.
In der derzeitigen Situation bleibt nur zu hoffen, dass, ist das Streichholz erst einmal davongespickt, irgend jemand es rechtzeitig vom Ölteppich der arabischen Welt wieder aufhebt, bevor diese lichterloh in Flammen steht!
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Kommentare
Durchaus ein guter Artikel und eine erfrischende Non-Antiamerikanismus-Position!
ABER: Vorsicht!
Amerika-kritisch zu sein heißt NICHT automatisch einem "dumpfen Antiamerikanismus dummdreister Berufsneinsager" anzuhängen! Genausowenig bedeutet es, nicht eine antiamerikanische Einstellung zu haben, sogleich die Frage "Wo ist es, das Amerika, das wir lieben?" zu stellen! Du kritisierst dichotome Grundhaltungen, implizierst diese aber. Ein "prinzipieller" Antiamerikanismus ist abzulehnen, natürlich, gar keine Diskussion, aber: Allein der Gedanke eines Aufbaus amerikanischer Waffenbasen in Europa lässt das immer vorschobene Ziel einer "Befriedungsrolle" nicht glaubwürdig erscheinen. Und selbst wenn wir - Deiner Ansicht nach - langfristig Sorge um Amerika haben müssen, so verunsichert die Frage des Weges dorthin vielmehr. Selbst wenn der Osten erstarkt, bis dahin können noch viele Zündhölzer weiß Gott wo hinfallen:
Gott sei Dank, dass ii s vom Teppich wider furt ha ggnoo! - But when?
M.
Von MS | Wednesday, 09 May, 2007